Seit 60 Jahren sprudelt im Allgäu ein Jungbrunnen

16.12.2008 | Oberstaufen
Am 11. Januar 1949 stand der erste Schrothkurgast am Bahnhof - seither entwickelte sich Oberstaufen dank der "Original Oberstaufner Schrothkur" zu einem der beliebtesten und fröhlichsten Heilbäder in Deutschland

Sie ist beliebt als natürliche Anti-Aging-Kur mit hohem Wohlfühlfaktor, ihretwegen kommen jährlich mehr als 30.000 Gäste ins Allgäu, aber eigentlich ist sie schon 60 Jahre alt: die Schroth-Kur in Oberstaufen. Sie beruht auf einem Naturheilverfahren, das der Fuhrmann Johann Schroth vor rund 180 Jahren im schlesischen Niederlindewiese begründete.

Am 11. Januar 1949 stand der erste "Schrothler" am Bahnhof und sorgte für Aufregung im Verkehrsamt. Wo sollte man den etwa 30jährigen Touropa-Gast aus Essen unterbringen? Man hatte zwar mit einem "Handzettel" die Schrothkur in Oberstaufen fürs Frühjahr angekündigt, doch Herr Schulte-Vitting bestand auf sofortigem Behandlungsbeginn. Schließlich nahm Anna Pahler vom Hotel Büttner, dem heutigen "Bayerischen Hof", den ersten Kurgast auf.

Das war der offizielle Start der Schroth-Kur im damaligen "Luftkurort und Wintersportplatz". Die Oberstaufener Schrothkur ist Dr. Hermann Brosig zu danken, der 1947 aus englischer Kriegsgefangenschaft frei kam und seine aus Niederschlesien vertriebene sudetendeutsche Familie im Allgäu wiederfand. Der 1906 im österreichischen Teil Schlesiens geborene Arzt war von 1935 bis 1940 Schrothkurarzt in Niederlindewiese (Lázne Dolni Lipová/Tschechien) gewesen. Dort hatte Schroth 1829 das nach ihm benannte Heilverfahren als Kur eingeführt.

Dr. Hermann Brosig, von 1940 bis zur Gefangennahme Regimentsarzt auf den Kanalinseln, war nach dem Krieg der einzige noch lebende ausgebildete Schrothkurarzt. Ihn erinnerte die Landschaft um Oberstaufen an seine Heimat. Und: In der Umgebung lebten viele vertriebene Sudetendeutsche, die um die Segnungen der Schrothkur wussten. Einer von ihnen war Hubert Meissner, der inzwischen im Verkehrsamt in Oberstaufen arbeitete und den Verkehrsamtsleiter Robert Mulzer und Bürgermeister Hermann Wucherer für die Kur begeisterte. Sie überzeugten schließlich Dr. Brosig, in Oberstaufen zu bleiben.

Wesentlich zu seinem Entschluss beigetragen hatte auch, dass mit Emma Volkmann eine frühere Schrothkur-Packerin aus Niederlindewiese von Memmingen nach Oberstaufen geholt werden konnte. Sie unterwies die Gastgeber in der Zubereitung der Schroth’schen Diätspeisen und wickelte anfangs alle Gäste nächtens selbst in die feuchtkalten Leintücher der "Schroth’schen Packung". Dr. Brosig war für die medizinische Betreuung zuständig. Eine originalgetreue Schrothkur war damit gewährleistet. Heute ist sie unter dem Markennamen "Original Oberstaufener Schrothkur" bekannt und geschützt.

Schon im ersten Jahr kamen 105 "Schrothler" nach Oberstaufen. Die Gastgeber in Oberstaufen erkannten schnell die Chance, mit der neuen Kur eine krisenfeste Basis für den Fremdenverkehr zu schaffen. Einziges Problem: Es gab nicht genügend Fachpersonal. Also wurden schrotherfahrene Sudetendeutsche, die aus Niederlindewiese vertrieben worden waren und im Allgäu siedelten, gezielt nach Oberstaufen geholt. Man richtete eine Schrothkurverwaltung ein und organisierte am wöchentlichen "großen Trinktag" einen Abend mit Musik und Tanz. Eine Anzeige des "Blauen Kreuzes" diskrimierte Oberstaufen zwar als "Säuferdorf im Allgäu", der Bekanntheit der Kur hat die Kampagne allerdings nicht geschadet.

Das Naturheilverfahren setzt noch heute auf den strikten Wechsel aus Trink- und Trockentagen, Ruhe und Bewegung, auf spezielle Diät und Schroth‘sche Packung. Dieses dient in erster Linie dazu, den Körper zu entschlacken, zu entsäuern, zu entgiften und den Stoffwechsel zu aktivieren. Dadurch kann Herz- und Kreislauferkrankungen, Magen-Darm-Störungen, Übergewicht, hohen Cholesterin- und Zuckerwerten, Migräne, Gicht, Rheuma und anderen Zivilisationskrankheiten vorgebeugt und begegnet werden.

Dass Oberstaufen für seine Lebensfreude bekannt wurde, ist unstrittig auch der Schrothkur zu danken. Jeden zweiten Tag dürfen die männlichen "Schrothler" bis zu einem halben, die weiblichen bis zu einem viertel Liter Wein trinken. Angesichts der Schroth-Diät reicht dieses Pensum aus, um eine fröhliche und gesellige Stimmung über den Ort zu legen. Man lacht zusammen, wandert an den Trockentagen, trinkt an den Trinktagen - beinahe automatisch entstehen jene Glücksgefühle, von denen Oberstaufens Gäste immer wieder schwärmen.

Die Gastronomen haben sich von Anfang auf die Schrothler eingestellt: In jedem Lokal kann man Kamillentee genau so bestellen wie Schrothwein oder Champagner. Diese Ausrichtung des gesamten gastronomischen Spektrums machte den Aufstieg des Ortes zu Deutschlands einzigem Schroth-Heilbad erst möglich.

Auch das touristische Angebot hat sich rund um die Schrothkur mit ihren Vorgaben für Ruhe und naturnahe Bewegung entwickelt. Im Mittelpunkt stehen großzügige Wellnesslandschaften in komfortablen Hotels jeder Kategorie. Zwar sind nur 65 der 550 Gastgeber anerkannte Schrothkur-Betriebe und nur rund 15 Prozent der Gäste sind Schrothler, aber die Wellness- und die Naturangebote rund um Oberstaufen kommen allen zu Gute. Es dürfte kaum einen anderen Kurort in Deutschland geben, in dem und um den ständig so viele euphorisierte Kurgäste unterwegs sind und der so deutlich am modernen Lifestyle orientiert ist. Der Jungbrunnen-Effekt der 180 Jahre alten Schrothkur ist seit 60 Jahren in Oberstaufen nicht zu übersehen.

Quelle: Pressemeldung Oberstaufen Tourismus Marketing GmbH

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